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Unsere Arbeit - Erinnern
Begegnung mit einer Zeitzeugin in Detmold |
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"Weil ich es denjenigen schuldig bin, die im Lager geblieben und gestorben sind" |
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Eine Gruppe von Schülerinnen und Schülern des Detmolder Gymnasiums Leopoldinum wandte sich Anfang 2010 an das Maximilian-Kolbe-Werk.
Sie hatten die Absicht, eine Zeitzeugenbegegnung an ihrer Schule durchzuführen, und baten uns um Unterstützung. Nach nur kurzer
Vorbereitungszeit fand sich die heute 81-jährige Genowefa Kowalczuk aus Polen, die als junges Mädchen im sogenannten "Jugendverwahrlager
Litzmannstadt" im heutigen Lódz inhaftiert war. Sie erklärte sich bereit, für eine Woche im Juni nach Deutschland zu reisen
und den Schülerinnen und Schülern Rede und Antwort über ihr bewegtes Leben zu stehen. Begleitet wurde sie während dieser Zeit
von der ehrenamtlichen Mitarbeiterin des Maximilian-Kolbe-Werks, Marianne Drechsel-Gillner. Die Kosten für die Reise und Unterbringung
der Zeitzeugin und ihrer Begleiterin übernahm ebenfalls das Maximilian-Kolbe-Werk. |
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Im Folgenden wird ein Bericht über die Begegnung in Detmold abgedruckt, der von den Schülern selber verfasst wurde und Anfang
Juli in der Schülerzeitschrift GaliLEO erschien. Eine pdf-Version dieses Artikels steht zusätzlich hier zum Download bereit. |
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Zeitzeugenprojekt am Leopoldinum |
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Es ist eine dieser Stunden, in denen alle aufpassen, ruhig sind. Die Klassen hören erstaunt, geschockt und gespannt zu. Frau
Kowalczuk, die heute in Krakau lebt, erzählt. Sie ist über das Maximilian-Kolbe-Werk und die LEO-SV für eine Woche in Detmold.
Neben ihr sitzt Frau Drechsel-Gillner, die ehrenamtlich für das Werk arbeitet, und übersetzt, obwohl Frau Kowalczuk durchaus
nicht nur Polnisch sondern auch Englisch und ein wenig Deutsch spricht. |
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Wir möchten ein wenig dessen weitergeben, was Frau Kowalczuk den Klassen 8a, 10a, 10b, 10c und dem 12er Geschichts-LK berichtet
hat, auch wenn uns das in dem Umfang, in dem es die Zeitzeugin erzählte, nicht möglich ist und wir ihren Berichten und Erlebnissen
hier nicht gerecht werden können. Aber ihre Erzählungen waren so eindrücklich, dass wir hier nicht darum herumkommen. |
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Frau Kowalczuk wurde 1929 in Deutschland geboren, ihr Vater war Deutscher, ihre Mutter Polin. Bis zu ihrem dritten Lebensjahr
wuchs sie in Deutschland auf. Dann kam sie zu ihren Großeltern nach Polen. Ihre Großeltern wurden mehrmals verhaftet und wieder
freigelassen, bis sie eines Tages - Frau Kowalczuk war dreizehn - gemeinsam verhaftet wurden. Sie wurden getrennt und Frau
Kowalczuk kam über einige Umwege schließlich in das "(Polen-) Jugendverwahrlager (der Sicherheitspolizei in) Litzmannstadt",
wie es die Nazis nannten. Sie bekam die Lagernummer 28 und war damit eine der ersten in dem nach Mädchen und Jungen getrennten
Lager. Dort lebten die Kinder im Alter von zwei bis sechzehn Jahren unter menschenunwürdigen Bedingungen. Der Hunger war eines
der schlimmsten Dinge, wie Frau Kowalczuk berichtet. |
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Sie erzählt von Dingen und Geschehnissen, die zeigen, wie groß die Not war. |
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Um sechs Uhr morgens kamen die Kinder zum Appell. Sie bekamen eine Scheibe Brot und Eichelkaffee, von dem Frau Kowalczuk aus
Hunger versuchte etwas vom Bodensatz abzubekommen. Alle wussten, welche Arbeit zu tun war. Sie arbeiteten in der Wäscherei,
Bügelei, Gärtnerei oder Küche. Die Arbeit war schwer und kaum zu schaffen. Kinder und Jugendliche mussten schwere Walzen ziehen,
um Wege zu bauen, bis zur Erschöpfung. Die deutschen Aufseher waren streng und es gab harte Strafen. Bei Missachtung einer
Regel oder Erschöpfung wurden die Inhaftierten geschlagen oder beispielsweise tagelang in eine Dunkelkammer gesperrt. Was
dieses noch verschlimmerte, war dass die Kinder gegeneinander ausgespielt wurden. Wer einen Anderen für die Missachtung einer
Regel anzeigte bekam eine halbe Scheibe Brot zusätzlich, wer angezeigt wurde, bekam drei Tage lang gar kein Brot. So hatten
die Kinder kaum die Möglichkeit sich gegenseitig zu helfen, was Frau Kowalczuk am meisten schmerzte. Die Kinder sollten von
Anfang an zum gegenseitigen Hass und zu lieblosen Wesen erzogen werden. Am Mittag bekamen die Kinder einen halben Liter von
etwas, das man heute nur schwer Suppe nennen kann. Darin enthalten war vor allen Dingen viel Wasser. Die Gemüseblätter waren
faulig, die Kartoffeln ungeschält, Maden und anderes Kleingetier die Regel. Frau Kowalczuk litt nach einiger Zeit an Skorbut,
einer Krankheit durch Vitaminmangel, bei der der/dem Betroffenen die Zähne ausfallen. Während der Arbeit versuchte Frau Kowalczuk
immer wieder, sich heimlich etwas Essbares zu nehmen. Z.B. steckte sie sich bei der Gartenarbeit einige Samen in die Tasche,
um sie später auf der Toilette, die vermutlich ein Loch hinter einer Baracke oder etwas Ähnliches war, essen zu können. Dabei
durfte sie weder von dem Wachpersonal, noch von den Mitgefangenen, welche sie angezeigt hätten, gesehen werden. Solchen kleinen
Diebstählen verdankt sie noch heute ihr Leben. Zum Abend gab es wieder eine Scheibe Brot und ein wenig Eichelkaffee. Sanitäreinrichtungen
gab es in dem Lager nicht. Die einzige Wasserquelle war eine kleine Wasserpumpe. Nach langer Zeit in dem Lager bekam Frau
Kowalczuk mit einer Wachfrau Namens Frau Schmidt zu tun. Sie vermutet heute, dass sie Frau Schmidt an ihre Tochter erinnerte,
weswegen diese sie besser behandelte und ihr half. Damals aber hatte Frau Kowalczuk das noch nicht begriffen. Als die russische
Front näher rückte, deutet sich ein Abzug der deutschen Wachen ins westliche Reich an. Frau Schmidt warnte die Kinder davor,
zum Appell in die Baracke zu gehen, da die Deutschen diese anstecken wollten, um die Kinder zu verbrennen. Nachdem die Deutschen
weg waren, waren die Kinder zwar frei, hatten jedoch immer noch nichts zu essen und keinen Platz zum Schlafen. Die Kinder
waren auf das Stehlen angewiesen. Nach dem Krieg und einer langen Zeit der Obdachlosigkeit und des Hungers erfuhr Frau Kowalczuk,
was mit ihrer Familie passiert war. Ihr Großvater starb im Konzentrationslager. Ihre Großmutter dagegen überlebte. Doch das
Verhältnis zwischen Frau Kowalczuk und ihr war zerstört. Frau Kowalczuk konnte damals nicht verstehen, warum ihre Großmutter
sie nicht aus dem KZ geholt hatte. Ihre Mutter hatte dies versucht. Sie starb in Auschwitz, kurz nachdem sie eine Tochter
zur Welt gebracht hatte, die vermutlich von einer anderen Frau aus dem Lager geschmuggelt wurde. Frau Kowalczuks Schwester
wurde mehrmals adoptiert. Viele Jahre nach dem Krieg lernten die Geschwister sich kennen. Doch die in Schweden lebende Schwester
verstarb nur drei Jahre nach dem Zusammentreffen an Folgeerkrankungen des Konzentrationslagers. |
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Als wir Frau Kowalczuk am Flughafen abholen sind wir uns nicht sicher, ob wir uns überhaupt mit ihr verständigen können und
wie wir sie zum Auto bringen sollen. Doch die 81-Jährige ist auch nach den beiden Flügen, die sie aus Krakau hinter sich hat
erstaunlich gut zu Fuß. Auf der Fahrt zum Hotel erzählt sie uns bereits Einiges in einer Mischung aus Englisch und ein wenig
Deutsch. |
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Am nächsten Tag holen wir unsere Zeitzeugin und die Dolmetscherin vormittags ab und Fahren mit ihnen zum Hermannsdenkmal.
Die beiden machen viele Fotos und die Stimmung ist heiter. Frau Kowalczuk lässt es sich nicht entgehen auf das Denkmal mit
historisch betrachtet kritischer Vergangenheit zu steigen. Als sie oben angekommen ist, nennt sie hinab zu den Anderen winkend
auf ein polnisches Sprichwort: "Man kann nicht in Rom gewesen sein, ohne den Papst zu sehen." Am Nachmittag nehmen wir die
Zwei auf eine eigene Stadtführung mit. Dabei werden wir vom Schützenfest aufgehalten. Da Frau Kowalczuk in Krakau lebt, wo
Kultur und Tradition eine große Rolle spielen, interessiert sie sich sehr für das Spektakel. Nachdem wir unseren Rundgang
fortgesetzt haben, beschließen wir die noch gültige Busfahrkarte nicht verfallen zu lassen und fahren am Abend noch zu den
Externsteinen. Die Sonne scheint noch ein wenig, das Wetter ist sehr gut und wir haben einfach einen lockeren und schönen
Abend. |
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Am nächsten Morgen, es ist Montag, holen wir unsere Gäste vom Hotel ab und bringen sie zu dem ersten Unterrichtsgespräch;
vor dem sie noch von Frau Posselt im Lehrerzimmer empfangen werden. Am Nachmittag besuchen sie mit uns die Adlerwarte und
am Abend sind sie zum Essen bei Frau Brummermann eingeladen. Die 8a, die am Dienstag die Zeitzeugin hören darf, kommt zur
Schule, obwohl sie eigentlich frei gehabt hätte. Doch das hat sich auf jeden Fall gelohnt - da ist sich die Klasse einig.
Am Abend steht ein Konzert des Sinfonieorchesters vom Landestheater im Konzerthaus der Musikhochschule an. Nachdem sie am
Mittwoch die Schule besucht haben, sind Frau Kowalczuk und Frau Drechsel-Gillner zu einem Empfang beim Bürgermeister Herrn
Heller eingeladen. Dieser sagt einen nachfolgenden Termin ab und nimmt sich insgesamt fast zweieinhalb Stunden Zeit, um Frau
Kowalczuk zu hören und seinen durchaus interessierten Gästen etwas über Detmold erzählen zu können. Nur wenig später gibt
ihnen das LEO-Orchester einen Einblick in das Programm für den Auftritt am Tag darauf. Am Donnerstag Nachmittag bekommen sie
eine private Führung durch das Freilichtmuseum. Am Freitag werden beide von drei Schülerinnen zum Essen eingeladen und später
von zwei Anderen durch das Schloss geführt, bevor wir sie am Samstag zu Flughafen und Bahnhof bringen und uns von ihnen verabschieden
müssen. Diese Woche war ihre viele Arbeit auf jeden Fall wert. Schließlich ist Frau Kowalczuk nicht nur "irgendeine Oma",
sondern hat sie eine sehr beeindruckende Vergangenheit hinter sich. Trotzdem ist sie ein äußerst lebensfroher Mensch und hat
eine so besondere Persönlichkeit, dass es großen Spaß macht, Zeit mit ihr zu verbringen. |
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Frau Kowalczuk sagt, dass sie uns über ihre Vergangenheit berichtet, weil sie es denen, die im Lager geblieben und gestorben
sind, schuldig ist. |
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Text: |
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Das Jugend-KZ in Lódz |
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Das KZ Litzmannstadt (Lódz, offiziell: "Polenjugendverwahrlager der Sicherheitspolizei in Litzmannstadt") diente der Verwahrung
und Misshandlung polnischer Kinder und Jugendlicher. Es wurde im Oktober 1942 offiziell eröffnet. Die Altersgruppe umfasste
ursprünglich 12 - 16jährige, im Januar 1943 wurde das Alter auf 8 Jahre herunter gesetzt und kaum später wurde ein Block für
Kleinkinder über 2 Jahre eingerichtet. Neben widerständigen oder abweichenden Jugendlichen wurden hier besonders Kinder eingepfercht,
deren Eltern zur Zwangsarbeit verschleppt worden waren. Außenlager bestanden in Dzierzazna und Konstantynów. Befreit wurde
das Lager am 18. Januar 1945. Hier wurden mindestens 500 Jugendliche ermordet. (www.gedenkstaettenpaedagogik-bayern.de) |
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Vielen Dank an alle, die etwas mit unseren Gästen unternommen haben und uns unterstützten! |



