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"Ich habe innerhalb weniger Minuten Vater und Mutter verloren" |
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Zeitzeugin Henrietta Kretz berichtet in der Oberlausitz von ihrer Kindheit |
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Es ist still, als Henrietta Kretz fertig ist. Die 77-Jährige hat gerade versucht, den Schülerinnen und Schülern des Sorbischen
Gymnasiums in Bautzen die unfassbaren Grausamkeiten zu erzählen, die sie als Kind erleben musste. "Das alles heutigen jungen
Menschen zu erklären, bedeutet mir sehr viel, denn sie müssen gewarnt und wach gerüttelt werden, damit sie extremistischen
Gedanken nicht unterliegen", sagt Henrietta Kretz während des Zeitzeugenprojekts in der Oberlausitz, das vom Maximilian-Kolbe-Werk
und dem Cyrill-Methodius-Verein, dem Verein der katholischen Sorben, durchgeführt wird.
Obwohl drei Klassenstufen gleichzeitig im Raum sind, sitzen alle gespannt, und hören der mit französischem Akzent Deutsch
sprechenden kleinen und zierlichen Jüdin zu. Die heute in Belgien lebende Zeitzeugin erzählt von ihrer sorglosen Kindheit
in Polen, die sie bis zu ihrem sechsten Lebensjahr hatte. Der Vater war Arzt, die Mutter Anwältin und Henrietta - ein Einzelkind
- war der Schatz der Familie. "Meine Welt war in Ordnung, die Kindheit unbeschwert. Man hat mir jeden Wunsch erfüllt."
Doch dann musste die jüdische Familie vor den heranrückenden Deutschen fliehen. Die Flucht brachte sie in die vermeintlich
sichere, damals ostpolnische Stadt Lemberg, die sowjetisch besetzt war. Doch im Sommer 1941 marschierten die Deutschen auch
in Lemberg ein. Die Familie wird verhaftet und kommt ins Ghetto. Durch viele glückliche Umstände schafft es der Vater, die
Familie mit viel Geld frei zu kaufen. Sie verstecken sich einen ganzen Winter in einem stockfinsteren Kohlenkeller. Trotzdem
spüren die Deutschen die Familie auf. Sie erschießen Henriettas Eltern vor ihren Augen. "Ich habe innerhalb weniger Minuten
Vater und Mutter verloren." Das Mädchen findet schließlich Zuflucht bei einer Nonne, die ihr das Überleben ermöglicht.
Henrietta Kretz' Erinnerungen verblassen nicht. Viele Jahre konnte sie nicht über diese schlimme Zeit sprechen. Erst vor 15
Jahren besuchte sie zum ersten Mal Deutschland. "Heute erzähle ich meine Geschichte für alle, die damals grundlos ihr Leben
lassen mussten." Und sie will auf diese Weise auch so viele Jugendliche erreichen, wie sie kann. "Damit das, was damals passierte,
nie wieder geschieht."
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