Hintergrund
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"Fragt uns, wir sind die Letzten" - Zeitzeugenprojekt in Ockenheim, 8.-12.05.17

Alodia Witaszek-Napierala aus Polen hat ein anderes Schicksal, als man es vielleicht aus Zeitzeugengesprächen mit KZ- und Ghettoüberlebenden kennt. In der NS-Zeit wurde die heute 79-Jährige der Zwangsgermanisierung ausgesetzt. Darüber erzählte sie vergangene Woche bei einer öffentlichen Veranstaltung in Bingen.

Alodia Witaszek wurde am 03. Januar 1938 in Poznan geboren. Sie ist gerade fünf Jahre alt, als ihr Vater Franciszek Witaszek, ein angesehener Arzt und Wissenschaftler an der Universität Poznan, im Januar 1943 als Widerstandskämpfer von den Nationalsozialisten hingerichtet wird. Wenige Tage später wird ihre Mutter verhaftet und nach Auschwitz deportiert. Die fünf Kinder im Alter von einem bis acht Jahren bleiben allein zurück.

Alodia kommt zusammen mit ihrer kleinen Schwester Daria in das berüchtigte Kinderverwahrlager "Jugendverwahrlager Litzmannstadt" im heutigen Lodz, denn aufgrund ihrer blonden Haare und blauen Augen wird sie als "rassenützlich" eingestuft.

Alodia erhält einen deutschen Namen und wird als "Geschenk des Führers" einer deutschen Familie zur Adoption übergeben. Alodias Mutter überlebt die Konzentrationslager Auschwitz und Ravensbrück. Nach Kriegsende sucht sie zwei Jahre lang nach ihrer verschleppten Tochter. Kurz vor Weihnachten 1947 hat sie Erfolg: Alodia kehrt in ihre fast vergessene Familie zurück. Den Kontakt zu ihrer deutschen Familie gibt Alodia nie auf. Ihre polnische Mutter und ihre deutsche "Mutti" lernen sich Jahre später kennen und schließen sogar Freundschaft. Bis heute ist sie ein "Kind mit zwei Müttern".

Ihre lebhaften Schilderungen in deutscher Sprache, die sie nach dem Krieg erneut erlernt hat, beeindrucken Jugendliche und Erwachsene gleichermaßen. Das Schicksal von Alodia Witaszek-Napierala zeigt die unerbittliche Härte, mit der die Nationalsozialisten ihren völkischen Rassewahn durchzusetzen versuchten.

Alodia Witaszek-Napierala war eine von sechs polnischen Zeitzeuginnen, die vom 8. bis 12. Mai 2017 auf Einladung des Maximilian-Kolbe-Werks und des Bistums Mainz in Ockenheim weilten und mit zahlreichen Schülern ins Gespräch kamen.

Zeitzeugengespräch mit Schülerinnen und Schülern im Kloster Jakobsberg

Neben Begegnungen mit Jugendlichen standen Besichtigungen, Ausflüge und gemütliche Gesprächsrunden auf dem Programm, die zur Erholung der Gäste beitrugen.

Gemütliches Beisammensein nach den Zeitzeugengesprächen
Ausflug mit dem Schiff nach Bacharach
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