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„Man kann spüren, dass Hilfe gebraucht wird"

Erfahrungsbericht von Frederik Köke, Freiwilliger im Sozialmedizinischen Zentrum des Maximilian-Kolbe-Werks in Lodz, Polen

Ich bin seit September 2018 Freiwilliger bei der Aktion Sühnezeichen Friedensdienste (ASF) und meine Einsatzstelle ist das Sozialmedizinische Zentrum des Maximilian-Kolbe-Werks (MKW) in Lodz. Dort arbeiten zwei ständige Mitarbeiter Anja und Jurek, die Physiotherapeutin und zwei Ärzte, die zweimal pro Woche ihre Sprechstunden anbieten.

Essen-auf-Rädern

Drei Tage die Woche begleite ich Herrn Jurek bei dem Essen-auf-Rädern-Angebot des Zentrums in Lodz. Um die Mittagszeit bringen wir ungefähr 15 Mittagsessen an Überlebende in der Stadt. Sie leben alleine oder sind nicht mehr in der Lage, für sich selbst zu kochen und die eigene Wohnung zu verlassen. Bei der Auslieferung ist natürlich auch Zeit für ein kurzes Gespräch. Für einige der Personen sind wir der einzige Besuch des Tages.

Besuchsdienst

Der zweite Teil meiner Arbeit besteht im Besuchsdienst für die ehemaligen Häftlinge. Dienstags und freitags besuche ich drei Damen zuhause. Sie sind um die 90 Jahre alt und älter.

An Freitagen besuche ich Frau Adela Murowanska. Frau Adela kann ohne Rollstuhl das Haus nicht mehr verlassen und hat kaum mehr nahestehende Personen. Sie erzählt viel von ihrem Leben, über ihre plagenden Altersgebrechen und auch über ihre Zeit im Konzentrationslager. Ich unterhalte mich lange mit ihr, helfe ihr ein bisschen mit der Ordnung Zuhause und wir gehen zusammen Einkaufen. Ich bin meistens 3-4 Stunden dort. Frau Adela und ich sitzen auch manchmal nur unter einem Baum beim Spaziergang, und sie erzählt mir von ihrem Leben, von schönen Momenten, aber auch welch schreckliches Schicksal sie in ihrer Jugend erlitten hat.

Dienstags besuche ich zuerst Frau Halina Milczarek. Bei ihr fege und wische ich jede Woche die Wohnung und helfe ihr in der Küche. Wenn wir fertig sind, unterhalten wir uns, gehen in die Bibliothek, einkaufen oder spielen ein paar Partien Rummikub. Auch Frau Halina hatte eine bewegende Vergangenheit, von der sie mir erzählt, und die jetzt auch in mir weiterlebt.

Nach etwa drei Stunden fahre ich weiter zu Frau Jozefa Pietrzykowska (*1930), die etwa eine Stunde entfernt wohnt. Frau Pietrzykowska hat eine Armverletzung aus der Zeit im Lager und kann nicht mehr selbstständig kochen. Frau Jozefa erlitt vor kurzem einen Herzinfarkt, hat Diabetes und starke Hüft- und Rückenschmerzen. Mit ihr esse ich manchmal zu Mittag. Auch sie erzählt mir von ihrem Leben und ihrer Gefangenschaft in Deutschland. Frau Jozefa ist eine sehr herzliche Person und hat trotz der schlimmen Dinge, die sie erlebt hat, ein großes Herz.

Die älteren Damen haben natürlich Erfahrung mit Freiwilligen, jedoch finde ich es überraschend, wie viel mir erzählt wird, und wie vertraut die Begegnungen sind. Beim Besuchsdienst erlebe ich sehr bewegende und schöne Momente. Man kann spüren, dass Hilfe gebraucht wird und sehr willkommen ist.

Hausbesuche bei Kranken mit Ehrenamtlichen aus Deutschland

Ende Mai habe ich die Ehrenamtlichen des MKW Janina und Melissa Hehnen aus München bei Hausbesuchen bei KZ-Überlebenden in der Region Legnica im Westen Polens begleitet. Ich war in erster Linie als Dolmetscher im Einsatz, denn ich bin zweisprachig aufgewachsen. Gemeinsam haben wir 14 ehemalige Häftlinge in den Städten Legnica und Jawor besucht.

Weihnachtsaktion als Highlight

Ein Highlight meiner Arbeit war für mich bis jetzt die Weihnachtsaktion. In der Adventszeit durfte ich Weihnachtspakete zu den KZ-Überlebenden nach Hause bringen. Darin enthalten waren Leckereien, Süßigkeiten und kleinere Geschenke. Außerdem wurden dem Paket Weihnachtsgrüße aus dem Maximilian-Kolbe-Werk in Freiburg beigelegt. Ich durfte mich als Nikolaus verkleiden und die Pakete verteilen. Die Besuchten haben sich riesig über meine Verkleidung und das Paket gefreut. Es hat mir gezeigt, wie wichtig es für diese Menschen war, ein Zeichen zu bekommen, dass man nicht vergessen ist.

Die Freiwilligenstellen im Sozialmedizinischen Zentrum Lodz werden seit 2011 von der Stiftung zur Unterstützung von Jugend und Alter in Nettetal gefördert.

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