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Adventsbesuche bei KZ-Überlebenden in Belarus

29. November - 6. Dezember 2019

 

Eine Woche lang waren Stephanie Roth und Herbert Meinl in Belarus/ Weißrussland unterwegs, um 30 Überlebende der Konzentrationslager zu besuchen und ihnen die finanzielle Unterstützung des Maximilian-Kolbe-Werks zu überbringen.

Die Reise führte die beiden ehrenamtlich Engagierten in die Städte Bobrujsk, Rogatschew, Mogilew und in die Hauptstadt Minsk.

Die Hausbesuche sind Teil unserer Weihnachtsaktion 2019 für KZ- und Ghetto-Überlebende in verschiedenen Ländern.

 

 

Die bei den Besuchen gewonnenen Eindrücke hat Stephanie Roth (linkes Bild) für uns niedergeschrieben.


 

Auszüge aus dem Bericht von Stephanie Roth

 

Wladimir Guschtschak (geb. 1924) ist trotz seiner 95 Jahre recht fit. Er freut sich sehr über unseren Besuch und fängt gleich an, ausführlich von seiner Haftzeit zu erzählen: Die erstaunliche Geschichte, wie er den Krieg überlebt hat.

Unter deutscher Besatzung mussten sich alle Kinder und Jugendlichen in regelmäßigen Abständen zur Blutabnahme melden. Wer dies nicht tat, riskierte, dass die Familie erschossen wird. Wladimir meldete sich zwei Wochen lang nicht und wurde mit 17 Jahren verhaftet und zur Zwangsarbeit nach Regensburg deportiert, wo er in einer Fabrik von Messerschmidt arbeitete. Später wurde er nach Dresden in ein Außenlager des KZ Flossenbürg gebracht. Bei Kriegsende war Wladimir 21 Jahre alt.

Er kehrte nach Bobrujsk zurück, wurde Schlosser, heiratete. Der heute 95-jährige hat drei Kinder, zwei Töchter und einen Sohn. Seine Frau ist schon gestorben. Wladimir wohnt mit seinem Sohn und der Schwiegertochter zusammen. Zum Schluss zeigt er uns Fotoalben. Auch wir freuten uns über diese Begegnung, allen fiel der Abschied schwer.

Sofia Lukianowa (geb. 1935) aus Rogatschew besuchen wir im Krankenhaus, wo sie seit August wegen Durchblutungsstörungen im Fuß ist. Jetzt muss der Fuß wohl amputiert werden. Sofia hat starke Schmerzen und kaum Appetit. Sie ist geistig fit und macht auch sonst einen ganz guten Eindruck, umso schlimmer die Vorstellung der Amputation, vor der die 84-Jährige Angst hat.

Ihre Tochter unterstützt sie und übernachtet mit ihr im Krankenhaus, von wo aus sie auch zur Arbeit geht. Wir unterhalten uns lange, das Kriegsschicksal und ihre Haft im Lager Osaritschi werden nicht erwähnt.

Anstasia Werbizkaja (geb. 1933) ist völlig blind. Die Überlebende des KZ Majdanek ist quasi bettlägerig, kann nur schwer laufen, steht aber auf, um uns in der Wohnstube zu empfangen. Hier ist für uns Gebäck und Obst aufgetischt.

Anastasia wohnt in dem Haus mit ihrem Sohn, der vor drei Monaten mit 48 Jahren einen Schlaganfall hatte und seitdem halbseitig gelähmt ist. Das ist ihr größter Kummer, sie weint fast die ganze Zeit und ist verzweifelt, dass sie ihm nicht helfen kann. Es ist eine Pflegerin da, die sich um beide kümmert. 

Die 86-Jährige erzählt auch sofort, dass sie im KZ Majdanek inhaftiert war. Die ganze Familie wurde wegen Partisanenverdacht verhaftet, der Vater in Majdanek ermordet und verbrannt. Anastasia war damals acht Jahre alt, ihre Schwester etwas älter. Die Mutter und die beiden Kinder überlebten.

Anastasia freut sich zwar über unseren Besuch, in ihren Gedanken ist sie aber bei ihrem Sohn.

Pawel Kasej (geb. 1926) aus Minsk empfängt uns zusammen mit seiner Frau Ala (83) in der schönen, gemütlichen Wohnung. Pawel geht es gesundheitlich ganz gut, "mal besser, mal schlechter". Er hat nach dem Krieg acht Jahre Deutsch gelernt, so konnten wir mit ihm ein bisschen Smalltalk auf Deutsch machen.

Pawel war zwei Jahre im KZ Dachau interniert, später musste er in Augsburg bei "Messerschmitt" arbeiten. Dort hat er die schweren Bombardierungen der Stadt miterlebt. Befreit wurde Pawel durch die Amerikaner, bei der Rückkehr in die sowjetische Zone wurde er in ein Filtrationslager gesteckt, aber nur für drei Wochen.

Nach dem Krieg studierte Pawel an der Akademie der Künste und arbeitete dann im Künstlerverband. Seine Frau hat er an der Akademie kennengelernt. Die einzige Tochter ist mit 47 Jahren gestorben.

Fünfmal war Pawel Kasej in Dachau zu Gedenkfeiern, seit zwei Jahren kann er jedoch nicht mehr fahren. Auf die Frage, was er den ganzen Tag macht antwortet er: "Auf den Frühling warten. Dann geht es auf die Datscha. Dort haben wir viel Arbeit: Bäume, Obst, Gemüse. Meine Frau kümmert sich um die Blumen, ich um die Tomaten."

Galina Matijewitsch (geb. 1928) aus Mogilew empfängt uns zusammen mit ihrer Tochter, später kommt noch die Enkelin dazu. Die 91-Jährige  hat Diabetes und viele andere Krankheiten. Sie kann nur schwer laufen, in der Wohnung bewegt sie sich mit einem Rollator. Galina freut sich sehr über unseren Besuch und findet unsere Arbeit "sehr christlich". Auf Einladung des Kolbe-Werks war sie vor Jahren zu einem Erholungsaufenthalt in Köln.

Galina spricht etwas Deutsch, das sie in der Schule und im KZ gelernt hat. Sie erzählt ihre Geschichte recht ausführlich und erinnert sich an viele Einzelheiten. Ihr Vater wurde von den Deutschen erschossen, der Bruder fiel an der Front. Galina wurde 1943 zusammen mit ihrer Mutter nach Auschwitz deportiert, von dort 1945 nach Ravensbrück evakuiert. Nach dem Krieg wurde sie medizinische Laborantin.

Sie erzählt uns die Geschichte der katholischen Kirche in Mogilew, die als Archiv genutzt wurde und erst 1989 wieder als Kirche eröffnet wurde. Leider kann Galina aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr zum Gottesdienst gehen. Am Ende singen wir zusammen Lili Marleen.

Lydia Rakutowa, geb. 1930, ist sehr fröhlich. Sie war schon einige Male auf Einladung des Maximilian-Kolbe-Werks zu Besuch in Deutschland. Die 89-Jährige kann nur schwer mit dem Stock gehen, hört aber recht gut. Sie hat alle möglichen Krankheiten, aber lässt sich nicht unterkriegen.

Ihre Töchter sind bei unserem Besuch auch da, eine von ihnen wohnt mit der Mutter zusammen. Das Haus der Überlebenden des Lagers Osaritschi ist schön eingerichtet und hat einen Garten, wo Gemüse angebaut wird.

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