Hintergrund
polnischrussischenglisch

Stimmen aus der Ukraine

Seit dem russischen Überfall auf die Ukraine am 24. Februar 2022 halten wir ständigen telefonischen Kontakt zu den KZ- und Ghetto-Überlebenden und unseren Kooperationspartnern in allen Landesteilen der Ukraine. Sie berichten uns von der aktuellen Lage.  Wie es den Menschen vor Ort geht, lesen Sie auf dieser Seite.

24.11.2022    „Herzlichen Dank dafür, dass Sie uns nicht vergessen und in dieser schwierigen Zeit unterstützen. Trotz der heftigen Raketenanschläge der letzten Wochen geben wir nicht auf. Ich glaube fest an unseren Sieg“, sagt die KZ-Überlebende Evgenia Gajova aus Ivano-Frankivsk.

04.11.2022 "Dieser Winter wird hart", sagt der 90-jährige Nikolaj Kalashov aus Charkiv. "Die Russen zerstören unsere Kraftwerke und Heizungsnetze." Ende März musste er vor den russischen Bomben fliehen und sein Zuhause in Charkiv verlassen. Mit seiner Tochter fand er Zuflucht in einem Dorf in der benachbarten Region Poltava.

"Von der Rückkehr nach Hause kann ich nur träumen." Nikolaj Kalashov ist nach der überstandenen Covid-Erkrankung gesundheitlich sehr angeschlagen und hat immer noch mit der Pneumonie zu kämpfen.

11.10.2022     Lubov Kutykova (geb. 1926) lebt in der südukrainischen Stadt Dnipro. 1942 wurde sie zur Zwangsarbeit nach Deutschland verschleppt und kam später in ein Außenlager des KZ Flossenbürg. Nach dem 2. Weltkrieg kehrte sie in ihre Heimat zurück und lebte seit 1960 in der Region Donezk.

Mit ihrer Tochter Switlana telefonieren wir am 11. Oktober 2022, einen Tag nach den schweren russischen Raketenangriffen, die nicht nur Dnipro, sondern viele weitere Städte der Ukraine erschüttert haben. "Die Lage bei uns ist dramatisch. Heute wurden in unserer Stadt wieder zivile Ziele getroffen", berichtet Switlana.

Switlana hat ihre Mutter im April 2022 nach Dnipro geholt, davor lebte sie in der Region Donezk auf dem von der Ukraine kontrollierten Gebiet. Lubov Kutykova ist schwer krank. Die 96-Jährige hat sich vom Oberschenkelhalsbruch nicht erholt. Sie kann sich nur mit einer Gehhilfe fortbewegen und verlässt die Wohnung nicht. "Bei Luftalarm verstecken wir uns im Bad. In einen Schutzkeller zu gehen, das schafft meine Mutter nicht. Wir haben richtig Angst um unser Leben".

Die Flucht kommt für die beiden Frauen nicht in Frage: "Meine Mutter würde es nicht überstehen".

10.10.2022    "Die Sirenen heulten heute Morgen ununterbrochen von 7 bis 13 Uhr", erzählt die 86-jährige Anna Strishkowa. Die Auschwitz-Überlebende wohnt im oberen Stock eines Hochhauses im Stadtzentrum von Kyiv, unweit des Präsidialamtes.

"Bei Luftalarm gehe ich ins Badezimmer". In den Schutzkeller in der Metro schafft sie es nicht mehr. Sie hat Rheuma und starke Gelenkschmerzen. "Eigentlich wollte ich heute zum Arzt, weil eine wichtige Untersuchung anstand. Nun musste ich sie verschieben".

Anna Strizhkova wohnt mit ihrer Tochter zusammen. "Als die ersten Raketen in Kyiv einschlugen, fing ich an, meine Leute abzutelefonieren, um zu hören, ob sie leben und wie es ihnen geht". Gemeint sind andere KZ-Überlebenden. "Viele leben allein und müssen diese schreckliche Zeit allein durchstehen. Wir versuchen, einander Mut zuzusprechen".

06.09.2022     „Meine Mutter steht seit Kriegsbeginn kaum auf und ist in einer schlechten gesundheitlichen Verfassung“, sagt Viktoria, Tochter der 81-Jährigen Vira Zaruk. Die Überlebende des Konzentrationslagers Majdanek lebt im Gebiet Rivne, nur 60 Kilometer von der Grenze zu Belarus entfernt.

„So wie meiner Mutter geht es vielen ehemaligen KZ-Häftlingen, die wir kennen", erzählt Viktoria am Telefon. "Die Todesangst und die psychische Belastung hinterlassen bei den alten Menschen ihre Spuren. Dieser Krieg verkürzt unsere Lebenserwartung“.

17.08.2022     "Unsere Stadt Nikopol steht seit fast einem Monat unter russischem Artilleriebeschuss", schreibt uns Alexander, Enkel des KZ-Überlebenden Nikolaj Samoilow. "Mein Großvater wurde am 26. Juli 101 Jahre alt. Auf der anderen Seite des Flusses Dnjepr wird in der Nähe der Stadt Enerhodar gekämpft. Dort liegt das Kernkraftwerk Saporischschja. Einige Nachbarhäuser sind nun ohne Dach.

Meinen Großvater kann ich nicht ständig in den Schutzkeller tragen. Also beschlossen wir, die Stadt zu verlassen. In einem 30 km entfernten Dorf haben uns freundliche Menschen aufgenommen. Einmal in der Woche fahre ich zurück nach Nikopol, um nach der Wohnung zu sehen und Lebensmittel einzukaufen. Benzin ist sehr teuer, die Lebensmittel sowieso. Wir leben aktuell von der Rente meines Großvaters. Ich kann nicht zur Arbeit gehen, da ich mich um ihn kümmern muss. Mein Opa ist sehr schwach."

27.07.2022     Die Überlebende des Konzentrationslagers Majdanek Anna Trigubowa (82) lebt in Kyiv und hat die Hauptstadt seit dem ersten Kriegstag nicht verlassen. „Seit dem Tod meiner Tochter wohnt mein Enkel bei mir. Wir geben einander Halt“. Der Krieg hinterlässt aber seine Spuren. „Ich schrecke bei jedem lauterem Geräusch auf: Sei es nur der Straßenverkehrslärm oder das Surren der Waschmaschine“, sagt Frau Trigubowa.

Wir haben Frau Trigubowa durch unsere Partner von Caritas-Spes Kyiv eine finanzielle Beihilfe überbracht. Im März, als große Medikamentennot herrschte, versorgen wir sie, wie auch andere KZ-Überlebende in Kyiv, mit Medikamenten.

27.06.2022      Die Familie Volodko aus dem Vorort von Kyiv gewöhnt sich langsam wieder an das Leben ohne ständigen Raketenbeschuss. So richtig können sie es allerdings noch nicht glauben, dass die Hauptstadt sicher ist. Ihre Angst wird bestätigt, als Kyiv am 26. Juni wieder bombardiert wird. "Uns plagt schon die nächste Sorge: Wie wird der kommende Herbst/ Winter sein? Werden wir unser Haus beheizen können? Werden wir genug zu essen haben?" fragt sich Vera, die Tochter des Dachau-Überlebenden Vasyl Volodko.

Sie bewirtschaftet ganz allein den großen Gemüse- und Obstgarten. Ihr 97-jähriger Vater hat keine Kraft mehr, um zu helfen, und die Mutter ist bettlägerig. "Kartoffeln, Tomaten, Gurken, Paprika, Karotten - ich pflanze so viel Gemüse wie möglich an und werde alles einlegen, damit wir später gut versorgt sind", sagt Vera.

27.05.2022     Video-Anruf von Iwan Oserow aus Charkiw. Unsere ehrenamtlich Engagierte Andrea Beer brachte ihm finanzielle Unterstützung des Kolbe-Werks und rief uns von ihrem Smartphone an.

"In meinem langen Leben habe ich schon einige Krisen erlebt: Hungersnot, Zwangsarbeit in Deutschland, KZ Mauthausen", sagte der 96-Jährige. "Doch dieser Krieg, den Russland gegen uns führt, tut am meisten weh".

Seitdem seine Frau im Januar verstorben ist, wohnt Iwan Oserow allein. Seine Tochter kümmert sich um den krebskranken Vater. Eine andere Tochter lebt in Russland. "Zur Beerdigung der Mutter war sie hier. Jetzt telefonieren wir täglich. Ob ich sie jemals wiedersehen werde?" fragt sich Herr Oserow. 

20.05.2022     Oleksandra Gruschko aus der Region Vinnytsja hat im 2. Weltkrieg die Konzentrationslager Majdanek und Auschwitz überlebt. In Auschwitz war sie zweieinhalb Jahre inhaftiert, bis sie am 27. Januar 1945 von der Roten Armee befreit wurde.

"Es ist kaum zu ertragen, dass Russland uns angreift. Ich habe doch damals in Auschwitz zusammen mit Russen und Weißrussen gelitten", sagt die 98-Jährige.

"Unsere Stadt wurde vor kurzem wieder von den Russen bombardiert. Es gab Tote und Verletzte", erzählt die Sozialarbeiterin Natalia, die sich um Frau Gruschko kümmert. Kosjatyn ist ein wichtiger Eisenbahn-Verkehrsknotenpunkt und jetzt im Krieg ein bedeutender Umschlagsplatz für Passagiere, in erster Linie Geflüchtete aus der Ost-und Südukraine, sowie für Frachtgüter.

"Die Russen vernichten gezielt die wichtigste Eisenbahninfrastruktur und nehmen zivile Opfer in Kauf", so Natalia.

17.05.2022     Heute rufen wir Nikolaj Kalaschov an, um ihm zu seinem 90. Geburtstag zu gratulieren. Als wir Ende April mit ihm sprachen, erzählte er von seinem größten Wunsch, seinen 90. Geburtstag zuhause in Charkiv und in Frieden feiern zu können.

Auch wenn dieser Wunsch ihm nicht vergönnt wurde, klingt er optimistisch und hoffnungsvoll: "Unsere Armee hat die Russen aus Charkiv vertrieben. Ich bin guter Dinge, dass wir bald nach Hause zurückkehren können".

Eine kleine Geburtstagsfeier hat seine Tochter Lubov dennoch organisiert. "Ein Stück Normalität tut in diesem Alptraum sehr gut. Und wenn der Krieg vorbei ist, müssen Sie aus Deutschland nach Charkiv kommen, um mit uns die große Geburtstagsfeier nachzuholen"

04.05.2022     "Heute leben wir in sehr gefährlichen, beunruhigenden und schwierigen Zeiten. Nie im Leben hätte ich gedacht, niemals kam es mir in den Sinn, dass sich die Ukraine im 21. Jahrhundert gegen die russische Aggression verteidigen müsste", sagt Belanna Samodra aus Hoschtscha/ Region Rivne. Sie ist Überlebende des Ghettos Zhmerynka.

Die 81-Jährige macht sich große Sorgen: "Nur 35 Kilometer von uns entfernt befindet sich ein Atomkraftwerk. Vor kurzen überflogen russische Raketen das Gelände. Ich mag mir gar nicht vorstellen, was passieren würde, wenn sie das AKW getroffen hätten. Aber in diesem Krieg ist leider alles möglich".

28.04.2022     Hanna Stryzhkowa (86) aus Kyiv erzählt, dass es in der Hauptstadt ruhiger geworden ist. "Heute früh gab es zwar wieder Luftschutzalarm, doch die Sirenen heulen im Vergleich zu früher seltener." Da ihre Wohnung im 9. Stock liegt und sie auf zwei Krücken geht, kann sie nicht in den Schutzkeller. "Meine Tochter und ich halten uns dann im Flur oder im Bad auf. Aber ich kann nicht klagen, denn die Lage von Menschen in Mariupol, Charkiw oder Cherson ist viel viel schlimmer", sagt sie.

Die Auschwitz-Überlebende versucht, abends keine Nachrichten zu schauen, weil sie später nicht schlafen kann. "Als die russischen Verbrechen in Butscha bekannt wurden, hatte ich tagelang Alpträume". Große Angst macht ihr die Ungewissheit, was in den nächsten Tagen und Wochen passieren wird. "Der 9. Mai steht vor der Tür und wir fürchten uns vor dem, was auf uns noch zukommt".

17.04.2022     An Ostern rufen wir Wanda Rad (96) in Lutzk / Nordwestukraine an. "Seit dem Kriegsbeginn bete ich viel und lese die Bibel", sagt die gläubige Katholikin. "Das hilft mir, diese schwere Zeit durchzustehen."

Die Majdanek-Überlebende wohnt allein in einem alten Häuschen. Ihr einziger Sohn ist schon lange gestorben, ihr Mann vor 18 Jahren. Andere Verwandte, die sie um Hilfe bitten könnte, hat sie nicht. Die Nachbarn Switlana und Ivan kümmern sich seit vielen Jahren um die zierliche Frau. "Als der Krieg ausbrach, ist Switlana nach Polen geflüchtet, um ihren Sohn in Sicherheit zu bringen", erzählt Frau Rad. "Nun sorgt Ivan für mich, bringt mir Essen und geht Einkaufen".

Am Ende des Telefonats lädt sie uns ein, sie wieder in Lutzk zu besuchen: "Sobald dieser fürchterliche Krieg vorbei ist, müssen Sie kommen. Ich werde auf Sie warten".

(Wanda Rad, Jahrgang 1926, ist Überlebende des Konzentrationslagers Majdanek. Im Herbst 2018 haben Mitarbeitende unserer Geschäftsstelle sie zu Hause in Lutzk besucht. Seitdem halten wir regelmäßigen telefonischen und Briefkontakt zu ihr sowie unterstützen sie mit finanziellen Beihilfen.)

13.04.2022     Leonid Schewtschenko (82)/ Charkiv:

"Nie hätte ich gedacht, dass ich noch einmal erleben muss, wie unsere Städte zerstört werden. Damals habe ich den Krieg überlebt und nun wiederholt sich die schreckliche Vergangenheit.

Seit Wochen wird Charkiv beschossen. Im letzten Krieg versteckten wir uns im Schutzkeller, heute suchen die Menschen wieder in Kellern und U-Bahn-Stationen Schutz. Im letzten Krieg lauschten wir den Nachrichten des Informationsbüros, jetzt warten wir sehnsüchtig auf die Nachricht über die Befreiung unserer Städte und Dörfer von den russischen Invasoren. Heute wie damals warten wir auf den Sieg!"

05.04.2022     Die Familie Volodko, die in einem Vorort von Kyiv wohnt, kann aufatmen. "Es ist ruhig geworden", sagt Vera, die Tochter des Dachau-Überlebenden Vasyl Volodko erleichtert. "Mein Vater kann sich jetzt etwas länger draußen aufhalten".

Vera erzählt, dass der Bürgermeister von Kyiv Klitschko die Menschen davor gewarnt hat, in die Hauptstadt zurückzukehren. "Zu unsicher und gefährlich ist die Lage". Vor dem russischen Überfall zählte ihr Ort rund 2.000 Einwohner. In den ersten Kriegstagen sind sehr viele, in erster Linie Frauen und Kinder, in den Westen der Ukraine geflüchtet.

Vera, die seit einem Jahr verwitwet ist, macht sich Gedanken darüber, wie sie ihr Stück Land und ihren großen Garten bewirtschaften soll. "Bald müssten wir mit dem Pflügen beginnen. Doch die meisten Männer aus dem Ort sind bei der Armee."

(Das Bild wurde 2016 aufgenommen und zeigt Vasyl Volodko und seine Tochter Vera in ihrem Garten.)

28.03.2022     Nina Dobrenka aus Lviv erzählt über russische Raketenangriffe auf die Stadt am 26. März. "Eine Krankenschwester unseres Medyko-Sozialen Zentrums stand gerade an der Bushaltestelle, als sie plötzlich in ca. 30 Meter Höhe drei aufeinanderfolgende Raketen sah, die dann ein Treibstofflager trafen. Solche Raketenangriffe bringen bei den alten Menschen Erinnerungen an den 2. Weltkrieg zurück. Sie leiden unter Schlafstörungen und Albträumen".

Zur Versorgungsituation in Lviv berichtet Nina Dobrenka von Lieferengpässen bei Lebensmitteln und Arzneien. "In der Region Lviv sind mittlerweile 400.000 Flüchtlinge angekommen, die versorgt werden müssen".

In Zusammenarbeit mit dem MSZ Lviv verteilen wir Nahrungsmittel und Hygieneartikel an betagte KZ-Überlebende und andere Senioren.

23.03.2022     Aus Nikopol im Süden der Ukraine erreicht uns ein Hilferuf des Enkels des 100-jährigen Nikolaj Samoilow. "Mein Großvater und ich befinden uns in Nikopol. Es gibt nur uns beide. Tagsüber ist die Lage schwierig und nachts ertönen die Luftschutzsirenen. Uns gehen die Lebensmittel aus", schreibt Aleksandr. "Ich möchte, dass mein Großvater diesen unmenschlichen Krieg überlebt!"

Nikolaj Samoilow wurde am 26. Juli 1921 geboren. Im 2. Weltkrieg überlebte es das Konzentrationslager Natzweiler. Wir haben ihn 2016 persönlich bei einem Hilfsprojekt in der Region Dnipropetrowsk kennengelernt.

Wir schickten Herrn Samojlow und seinem Enkel eine Not-Beihilfe für den Kauf von Lebensmitteln.

18.03.2022     In Zaporizhzhia im Süden der Ukraine stehen wir im Kontakt mit der Ravensbrück-Überlebenden Evgenija Bojko. Die 78-Jährige wohnt mit der Familie ihres Sohnes in einer kleinen Wohnung. Vor kurzem erlitt sie zwei Schlaganfälle. "Davon erholt sie sich langsam und hat Schwierigkeiten beim Sprechen", sagt ihr Sohn Konstantin. In ihrem Zustand müsste Evgenija Bojko unter ständiger ärztlicher Beobachtung stehen, doch unter den gegebenen Umständen ist es nicht möglich. Konstantin holt sich den ärztlichen Rat telefonisch ein und macht sich große Sorgen um seine Mutter. "Es ist sehr schwierig, die notwendigen Medikamente zu bekommen. Außerdem sind sie seit Kriegsbeginn viel teurer geworden", so Konstantin. Wir unterstützen die Familie Bojko mit einer Not-Beihilfe.

Zur Lage in der Stadt berichtet Konstantin, dass vor zwei Tagen auch zivile Ziele von Russen angegriffen wurden, darunter der Bahnhof und der Botanische Garten. "Die Lage ist sehr bedrohlich. Aktuell kommen auch Geflüchtete aus Mariupol in unserer Stadt an. Wir helfen, wo wir können. Es herrscht große Solidarität."

15.03.2022     Vera, die Tochter des Dachau-Überlebenden Vasyl Volodko (97), erzählt uns von der 35-stündigen Ausgangssperre, die ab heute 20 Uhr Ortszeit in der Stadt und Region Kyiv verhängt wird.

"Uns stehen zwei besonders schwierige und gefährliche Tage bevor", sagt sie besorgt. "Zum Glück konnte ich heute wieder Fleisch und Milchprodukte kaufen". Dafür musste Vera eine lange Strecke zu Fuß zurücklegen, denn die kleinen Geschäfte in der Nähe ihres Hauses sind geschlossen.

Weiter berichtet sie von heftigen Gefechten um die Hauptstadt. "Gestern wollte mein Vater für einige Minuten nach draußen gehen. Doch das laute Dröhnen konnte er nicht aushalten und musste wieder hinein".

10.03.2022     Als wir mit Nikolaj Kalaschov aus dem stark umkämpften Charkiv am 3. März telefonierten, half ihm sein Nachbar gerade dabei, die Fenster seiner Wohnung mit dunkler Folie zu bekleben: "Damit man abends kein Licht brennen sieht". Der 90-Jährige erzählte, dass er die letzten vier Nächte im Schutzkeller verbracht hatte. "Aber ich konnte die Kälte und Dunkelheit nicht länger aushalten und kehrte wieder in meine Wohnung zurück. Da komme, was wolle", sagte er.

Doch heute gibt es gute Nachrichten! Mit Hilfe des Roten Kreuzes ist es Herrn Kalaschov gelungen, Charkiv zu verlassen. Gemeinsam mit seiner Tochter fand er Zuflucht in einem Dorf in der Region Poltava. "Hier wurden wir herzlich empfangen und erfahren viel Hilfsbereitschaft. Das ist unser kleiner Trost."

Wir schickten Herrn Kalaschov und seiner Tochter eine Bargeld-Nothilfe von 500 Euro. "Damit sind wir für die nächste Zeit gut versorgt".

09.03.2022      Anastasia Gulei (96) ist in Sicherheit! Die Überlebende von Auschwitz, Buchenwald und Bergen-Belsen ist in der Nacht auf den 8. März mit ihrer Tochter und ihrem Sohn von Kyiv in Richtung Westen aufgebrochen.

Nach einer 650 km langen Autofahrt und zwölf Stunden Wartezeit an der Grenze wurden sie an der polnischen Seite von Maik Reichel, Direktor der Landeszentrale für politische Bildung Sachsen-Anhalt in Empfang genommen.

„Ich bin erschöpft, aber erleichtert, in Sicherheit bei meinen deutschen Freunden zu sein", sagte sie am Telefon. "Gleichzeitig sind meine Gedanken bei anderen KZ-Überlebenden in Kyiv, die noch immer ein großes Leid erfahren müssen“.

07.03.2022    Heute bekommen wir die erfreuliche Nachricht, dass Dr. Borys Zabarko mit seiner 17-jährigen Enkelin sicher in Deutschland angekommen ist. Die Flucht aus Kyiv führte die beiden über Lviv, Uzhgorod und Budapest nach Süddeutschland, wo sie von Verwandten empfangen wurden.

Obwohl der 86-Jährige die zehnstündige Fahrt von Kyiv nach Lviv im überfüllten Zug stehend zurücklegen musste, war das für ihn nicht das Schlimmste. "Ich kann noch immer nicht glauben, dass ich meine Heimat verlassen musste. Das tut weh", sagte der Holocaust-Überlebende nach seiner Ankunft in Budapest. Um weiter nach Deutschland zu kommen, musste Dr. Zabarko einige Tage in der ungarischen Hauptstadt überbrücken. Diesen Aufenthalt hat das Maximilian-Kolbe-Werk in Zusammenarbeit mit Dr. György Frisch vom Verein Holocaust-Überlebender in Budapest für ihn organisiert.

Mehrmals am Tag telefoniert Dr. Borys Zabarko mit seinen Schicksalsgefährten in der Ukraine und erkundigt sich nach den neuen Entwicklungen. Ständigen Kontakt hält er außerdem zu Mitarbeitenden der Allukrainischen Vereinigung Holocaust-Überlebender und koordiniert die Verteilung von finanziellen Nothilfen des Maximilian-Kolbe-Werks an die Überlebenden vor Ort.

02.03.2022     Mit Anastasia Gulei aus Kyiv telefonieren wir fast täglich. Die 96-Jährige lebt zusammen mit ihrer Tochter in einem Häuschen im Südwesten der Hauptstadt in der Nähe des Flughafens Zhuliany. "Die letzte Nacht war ruhig", sagt die Auschwitz-Überlebende. "Doch gestern wurde Kyiv stark bombardiert und der Fernsehturm getroffen, wodurch für eine Zeitlang viele TV-Sender ausgefallen waren". Ihre Tochter Valentina berichtet, dass auch die Stromversorgung und die Internetverbindung zeitweise unterbrochen wurden.

"Seit zwei Tagen gibt es im Geschäft kein Brot mehr zu kaufen, Obst und Gemüse sind auch Mangelware". Die beiden Frauen ernähren sich von Nudeln, Buchweizenbrei und eingelegtem Gemüse. "Davon haben wir genug". Große Sorgen bereitet ihnen der 60 Kilometer lange russische Militärkonvoi, der auf Kyiv rollt.

02.03.2022     Große Erleichterung spüren wir, als wir endlich den 97-jährigen Vasyl Volodko erreichen. Der Dachau-Überlebende wohnt mit seiner bettlägerigen Frau und seiner Tochter 20 km südwestlich von Kyiv. Er erzählt von starken Bombardements einer Luftwaffenbasis im Umkreis von 10 km.

"Die Detonationen waren so gewaltig, dass unsere Fensterscheiben bebten." Von Raketen getroffen wurde außerdem eine Ölraffinerie. "Das Feuer und der schwarze Rauch waren zwei Tage lang zu sehen".

Seine Tochter Vera berichtet von leeren Regalen in den Geschäften und geschlossenen Apotheken. "Unser Vorrat an Mehl, Salz, Öl und Fleisch wird aber für einige Zeit ausreichen", sagt sie. Ihrem Vater, der schon einmal einen Krieg erleben musste, ging es in den ersten Tagen nach dem russischen Überfall sehr schlecht. "Er konnte kaum schlafen. Doch jetzt versucht er, meine Mutter und mich zu beruhigen und uns Trost zu spenden".

25.02.2022     Selbst in Transkarpatien, dem westlichsten Zipfel der Ukraine an der Grenze zu Ungarn herrscht Mangel an Lebensmitteln.

"Die Menschen kaufen auf Vorrat, weil sie nicht wissen, wie lange ihre Region vor den russischen Raketen verschont bleibt", sagt unser Partner vor Ort Laslo Djury vom Verein Romano Drom in Vynohradiv.

24.02.2022     Nina Dobrenka vom Medyko-Sozialen Zentrum des Roten Kreuzes in Lviv ist heute trotz der Aufforderung durch den Präsidenten Zelenskiy, nach Möglichkeit zuhause zu bleiben, zur Arbeit gekommen. "Es gibt alle Hände voll zu tun. Wir können die Schwächsten in unserer Gesellschaft jetzt nicht allein lassen", sagt sie.

Frau Dobrenka erzählt von langen Schlangen vor den Supermärkten, Apotheken und an den Tankstellen. Sie berichtet auch von Raketenangriffen auf wichtige Militärinfrastruktur in der Westukraine, z.B. in Sambir, Ivano-Frankivsk, Ternopil, Rivne, Chmelnytsky und Lutsk. "Wir bereiten uns zudem auf die vielen Flüchtlinge vor, die aktuell aus der Ost- und Zentralukraine in Richtung Westen unterwegs sind".

24.02.2022     Als wir mit Dr. Borys Zabarko aus der Hauptstadt Kyiv telefonieren, unterbricht die Verbindung mehrmals. Der Holocaust-Überlebende erzählt von Explosionen und Raketenangriffen auf die militärische Infrastruktur rund um Kyiv.

"Ich sitze zu Hause und schau die Nachrichten, die mir große Sorgen machen. Ich kann mit anderen Holocaust-Überlebenden nur telefonieren, aber die Verbindung ist sehr schlecht."

Wir versichern ihm, dass wir der Allukrainischen Vereinigung der Holocaust-Überlebenden, der er vorsteht, wieder Geld für die Überlebenden überweisen werden. Der 86-Jährige lässt "alle guten Menschen in Deutschland" grüßen und dankt für die große Solidarität.

24.02.2022     Nikolaj Kalaschov aus Charkiv sagte am Telefon, dass er am frühen Morgen des 24. Februar von einem lauten Geschoss in der Nähe seines Wohnhauses aus dem Schlaf gerissen wurde. Als er zum Fenster ging und nachschaute, konnte er aus der Entfernung Flammen erkennen.

"Ich konnte es nicht fassen, dass Russland uns angegriffen hatte. Die Erinnerungen an den 2. Weltkrieg kamen wieder hoch", erzählte der 90-Jährige mit stockender Stimme.

Herr Kalaschov wohnt im 16. Stockwerk und ist vollkommen auf die Hilfe seiner Tochter angewiesen. Diese konnte noch zwei Kilo Mehl und Brot besorgen. "Die Regale in den Lebensmittelgeschäften sind leer". Am Ende des Telefonats dankte Nikolaj Kalaschov für den Anruf aus Deutschland: "Euer Anruf und Euer Beistand geben mir Kraft!"


Mehr zum Thema Ukraine

"Die Geschichte wiederholt sich"
Nadija Mudrenok (83) verlor wieder ihr Elternhaus
"Es ist unbegreiflich"
KZ-Überlebende zwischen Todesangst und Unverständnis
"Zwei Wochen in der Hölle"
Ein Shoah-Überlebender harrte 14 Tage in einem Keller unweit von Butscha aus
Tiefe Bestürzung und Trauer:
Boris Romantschenko (96) in Charkiw getötet
Spenden